Renaissance der Werte?
Von Peter Frey | vom 05.09.2008
Es ist jetzt viel von der „Renaissance der Werte“ die Rede – in Parteien, Kirchen und Medien. Mir ist das fremd. Denn die Parole klingt so, als würden wir eine finstre Epoche hinter uns lassen, in der es keine Auseinandersetzung darum gegeben hat, woran Menschen sich orientieren, was ihnen wichtig ist. Sind in den letzten Jahrzehnten nicht viele neue Werte entstanden? Haben diese „neuen Werte“ nicht längst Einzug auch ins bürgerliche Milieu gehalten? Da muss man nicht auf die Lebenswirklichkeit konservativer Spitzenpolitiker verweisen, wo Ehen ohne Kinder, Scheidungen oder Homosexualität mittlerweile so selbstverständlich sind wie im Rest der Gesellschaft. Es ist gut, die Wertedebatte zu führen. Aber wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass der Begriff „Werte“ schillernd ist, unklar – und zu vielen Interpretationen einlädt. Wer über Werte spricht, sollte die Veränderung von gesellschaftlicher und familiärer Wirklichkeit als Faktum akzeptieren – und nicht Werten hinterherlaufen, die keinen Sitz im Leben haben. Das Schlimmste ist Heuchelei. Da wird ganz anders gelebt, als man es selbst in politischen oder publizistischen Abhandlungen vorgibt. Oder Menschen werden in Lebenslügen hineingezwungen, die nicht nur sie selbst, sondern auch ihre Umwelt unglücklich machen.
Das Schlimmste ist Heuchelei
Für mich geht es in der Wertedebatte nicht um Ideologie, sondern um Glaubwürdigkeit, um konkrete Erfahrungen, um gelebtes Leben. Und hat sich nicht viel – zum Besseren – verändert? Der wichtigste „neue Wert“ für mich ist die selbstverständliche Gleichberechtigung der Frau, ein Prozess übrigens, der auch die Männer in Bewegung gebracht und Familien belebt hat. Elterngeld oder der reichlich späte Entschluss, die Krippenplätze in Deutschland auszubauen, sind der politische Ausdruck dieses Wertewandels. Neu sind auch ökologisches und „globales“ Bewusstsein oder Toleranz gegenüber anderen sexuellen Orientierungen. An die Seite alter Bindungen, zum Beispiel in der Familie, sind neue, der Lebenssituation einer immer mobileren Gesellschaft angepasste Beziehungsgeflechte mit nicht minder hoher Verbindlichkeit getreten. Besonders wichtig ist mir die neue Erinnerungskultur. Wenn Bundespräsident oder Bundeskanzlerin den Holocaust und unsere Verantwortung für Israel heute zu einem Teil der deutschen Identität erklären, dann ist hier nach Jahrzehnten der Verleugnung ein wichtiger Wert „nachgewachsen“.
Ist Geiz wirklich geil?
Wenn wir von Werten sprechen, dann müssen wir auch von neuen Egoismen sprechen. Es gibt eine neue Ideologie des Profits, der keine Rücksicht mehr nimmt. Da ist es geradezu symptomatisch, wenn die Werbung den Starken wie selbstverständlich das Recht einräumt, sich durchzusetzen und dazu sagt: „Ich bin doch nicht blöd!“. Besitz wird als Indikator des Erfolgs angesehen, was Slogans wie „mein Haus, meine Frau, mein Boot“ ausdrücken. Menschen werden ganz schnell zu Dingen. Auch wenn jungen Leuten Lebenschancen verweigert werden, geht es um eine Wertefrage. Wer bestens ausgebildet ist, sich trotzdem nur von Praktikum zu Praktikum hangeln kann und dann um die 40 die Chance auf einen festen Job
hat, dem darf man nicht verübeln, wenn er sich spät bindet, spät Mut hat, sich für Familie und Kinder zu entscheiden.
Während in Feuilletons und auf Kanzeln
über Werte gepredigt wird, ist unser Alltag von „Geiz ist geil“ oder „Alles ist möglich“ geprägt. Das ist weder „bürgerlich“ noch „progressiv“, sondern nur zynisch – oder kalter Egoismus.
Fundamentalismus kennt keine Gnade
Die Wertedebatte ist oft Ausdruck einer
Sehnsucht nach Vereinfachung, nach Verlässlichkeit und klaren Antworten. Unter Modernisierungs- und Globalisierungsdruck, entsteht eine fundamentalistische Versuchung, die mir Sorge macht. Diese Versuchung gibt es in Religionen wie dem Islam. Wir haben es seit dem 11. September 2001 oft erlebt, dass dieser Fundamentalismus keine Gnade kennt. Es gibt diese fundamentalistische Versuchung aber auch im christlichen Bereich. Besonders gefährlich sind solche Tendenzen, wenn sie biblisches Recht über das menschliche Recht und sogar die Verfassung setzen. In den USA sind sie längst eine politische Kraft geworden, die sich mit demokratischen Entscheidungen wie liberalen Abtreibungsregelungen oder der Homoehe nicht abfinden. Es entstehen fundamentalistische Parallelgesellschaften mit eigenen Universitäten oder Eltern, die ihre Kinder selbst unterrichten, um sie nicht dem Einfluss staatlicher Erziehung auszusetzen. Dort wird Sexualkunde abgelehnt oder gelehrt, die biblische Schöpfungsgeschichte wörtlich zu nehmen. Solche Auffassungen sind längst in deutschen Kultusministerien angekommen. Und fundamentalistische Glaubenscamps finden auch auf deutschem Boden statt.
Respekt und Toleranz sind etwas anderes als Beliebigkeit
Wir müssen deshalb vorsichtig sein. Es ist falsch, die Welt in Gut und Böse aufzuteilen. Manchmal wird zwar von Werten gesprochen, aber in Wahrheit geht es darum, Traditionen in Frage zu stellen, die in Jahrhunderten gewachsen sind und Europa ausmachen. Gerade als Christen müssen wir Ja zur Trennung von Kirche und Staat sagen. Der wichtigste Wert ist die Verteidigung der Aufklärung. Und das heißt am Ende doch individuelle Verantwortung auf dem Fundament des persönlichen Gewissens und sozialen Bewusstseins. Respekt und Toleranz gegenüber anderen Lebensentwürfen sind etwas anderes als Beliebigkeit.
Die Wertedebatte fängt dort an, wo man andere wertschätzt. Wer mit dem Wort Werte auf den Lippen verächtlich über andere redet, der ist nicht glaubwürdig. Lassen wir uns nicht verführen. Betonen wir nicht die Gegensätze, sondern die Möglichkeiten des Dialogs. Unsere Werte gegen die Anfechtungen der einfachen Lösungen zu verteidigen, ist unsere wichtigste Aufgabe.
Peter Frey (Hg.)
77 Wertsachen - Was gilt heute?
ISBN: 9783451295645
Seiten:
Verlag: Herder
Preis: 14,90
Auch den Journalisten Peter Frey interessiert die Frage, wie man mit gebrechlichen Eltern umgehen sollte. Diese und viele andere Fragen, die jedem von uns heute begegnen, fordern uns heraus, Stellung zu beziehen. Welche Privilegien darf man wegen seines Berufes annehmen? Soll man Bettler unterstützen? Wie können sich Kinder gegen körperliche Angriffe wehren? Mit 77 Wertsachen. Was gilt heute? hat Frey ein Buch herausgegeben, in dem es um wichtige Spielregeln für unser Zusammenleben geht. Prominente aus Politik und Medien wie Hans-Jochen Vogel und Sabine Christiansen beziehen in ihren Beiträgen ganz persönlich Stellung.